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Manifest

Vielleicht hoffe ich in zwanzig Jahren, dass irgendwer das Internet in die Luft sprengt, damits verloren geht. Ich hoffe nicht. Manifest zu Jugendzeiten, oder: Wer die Form findet, darf sie behalten.

Manifest

Ich kenne meine Gedichte nicht auswendig.
Viele finden das erstaunlich, aber ich lerne sie nicht. Viele lese ich erst Monate später wieder, und erinnere mich an sie wie an ein Lied, mit dem man sich und Zeit verbindet, das man vergisst und Jahre später wiederfindet.
Ich kenne die Texte vieler Lieder auswendig, und Gedichte.
Sogar Roman- und Geschichtenanfänge und –passagen anderer Leute. Jede Note, jedes crescendo der Stücke die ich spiele.
Aber meine Gedichte kenne ich nicht auswendig.
Ich kenne natürlich jedes Wort darin,
einzelne Zeilen oder Absätze, und manche davon beschmecke und befühle ich immer wieder auf der Zungenspitze, manche verspielt, manche skeptisch, hier und da bewusst über ihre Unzulänglichkeit. Aufsagen kann ich kein einziges Gedicht.
Oft muss ich schon überlegen, was die Details meiner Geschichten sind. Meine Form ist frei und unklar, und manchmal frage ich mich hinterher, wie ich sortieren soll und ob die Zeilenumbrüche Not tun. Ich weiß natürlich, dass ja, aus guten Gründen. Ich frage mich trotzdem.

Ich sehe mein Schreiben
nicht als mein Kind Continue reading

anziehungskraft

warum sagt man
zwischen lachen und weinen
bei verlangen nach beiden
(liegt nicht dazwischen nichts)
ich bau mir ne aura aus licht und aus schnee Continue reading

Rahmensätze

Ein Rahmen aus Zeit und aus Nähe
vielleicht ist das alles
was ist

Wir bauen uns einen Rahmen und bewegen uns darin
sind mutig und lehnen uns manchmal zu sehr aus dem Fenster Continue reading

Aufforderung zum Tanz 2010

Den folgenden Text habe ich als Reaktion auf einen Besuch des Theaterstücks “Die Räuber” geschrieben, das in einer sehr unsympathischen modernen Version aufgeführt wurde. Die Räuber wurden dabei mit Autonomen, die wiederum mit der ganzen linken Szene gleichgesetzt. Schillers Räuberbande ist mordlustig und gibt sich zunächst den Anschein einer Robin-Hood-Gang, letztlich aber nur aufgrund ihres Anführers Karl Moor, der es irgendwie gut meint und eher aus Frust mit dem Rumräubern beginnt. Worauf es natürlich trotzdem hinausläuft: Alle Guten sind tot, alle Ziele und Ideale verraten. Und in dieser Umsetzung: Es gab zwar hier und da gute Statements, aber letztlich blieb als Eindruck stehen, dass linke Aktivist*innen und Antikapitalist*innen am Ende scheitern müssten, zumindest aber in sinnlose Gewalt verfallen. Reaktionäre Scheiße, wenn ihr mich fragt.

Aufforderung zum Tanz 2010

Ey, und ich krieg sooon Hals, ja! Sooon Hals!
Die jungen Wilden, das musste ja schiefgehen –

komm mit mir in die Nacht, komm, wir tanzen! Komm, ich will mich nicht betäuben,
aber irgendwie muss sie ja raus, die ganze Scheiße, die wir fressen –

ich kann gar nicht so viel kotzen wie ich gerne würde
wenn ich das schon nur höre –
und ihr sitzt da und belacksalbt euch gegenseitig und freut euch
weil ihr ja die Notbremse gezogen habt und euch abgefunden
weil, am Ende, da muss man sich dann eben abfinden, Continue reading