Es ist was es ist

Die blonde Mittzwanzigerin lief die Straße entlang und bog dann in die schmale Seitengasse ein, die sie mitten in den dunklen Park hineinführte. Sie erinnerte sich zu gut an den letzten Streit: wieder war es ihre Schuld, wieder hat er „nur sachlich argumentiert“. Gott, wie ihr seine geheuchelte Sachlichkeit zum Hals raushing! Wie sehr sie ihn nie wieder sehen wollte!

Es war von Anfang an nicht leicht, aber sie hielt durch. Sie bemühte sich, vergaß sich und ihr Leben und stand völlig im Dienst des seinen. Und der Dank: Streit. Immer nur Streit. Eifersucht. Neid. Der letzte Streit war besonders heftig – jetzt zurückgehen? Niemals. Oder doch? Sie wusste, er würde niemals zu ihr kommen. Sich entschuldigen, Besserung geloben. Welche Besserung auch? Er hat „ja nur sachlich argumentiert“. Sie setzte sich auf die alte Parkbank unter der einzigen Laterne weit und breit und zog die Schachtel Kippen aus der Tasche, die sie ihm geklaut hatte. Früher hatte sie nicht geraucht, aber seit sie ihn kannte, hatte sich einiges verändert. Wenigstens würde sie nicht dafür bezahlen müssen. Ihr Geld war knapp, da kamen keine ungeplanten Ausgaben in Frage. Seins nicht. Bisher hatte ihr das wenig genützt, aber immerhin: wenigstens ihre neuen Laster würde er bezahlen.
Die Nacht hing düster über ihr: kalt war es geworden, und nass. Regen stand förmlich in der Luft, und selbst vier Kleiderlagen konnten die bissige Novemberkälte nicht davon abhalten, tief in ihre Knochen zu kriechen. Bei ihm war es warm, dachte sie. Bei ihm gab es Tee. Und Bier. Immer trank er Bier. Und immer rauchte er dazu. Er wusste genau, wie sehr sie das hasste! Er wusste es, aber es störte ihn nicht. Immer war sie es, die zurücksteckte. Er hatte sie gefangen und zum Trocknen auf eine Nadel gesteckt, wie einen Schmetterling. Groß war er, klug, charmant, witzig. Schön. Aber sie war vorsichtig, wollte erst nicht. Da hing sie jetzt und siechte vor sich hin: zu tot zum Fliegen, verloren. War das Liebe? War so Liebe? In den letzten acht Monaten hatte sie sich das oft gefragt. Es ist, was es ist, war ihre Erklärung für alle Freunde, die sie warnten: Hör auf, das ist nicht gut für dich. Hör auf, du machst dich kaputt. Es ist, was es ist, es ist da und es ist jetzt, sagte sie dann immer, als würde das irgendwas erklären. Woher diese Abhängigkeit? So war sie nie gewesen! Wo war die ehrgeizige, interessierte, lebenslustige Frau geblieben? Ertrunken in Wein und Nebel, dachte sie. Weit weg.
Langsam wurde die Kälte schwer zu ertragen. Ihre Wohnung war weit weg, Freunde entweder verreist oder beschäftigt, und ohnehin konnte sie sich nicht erneut die Blöße geben, dort aufzutauchen: Es hätte wieder nicht geklappt, aber sie glaubte weiter. Das kam nicht in Frage. Sowieso: Klären musste sie das mit ihm. War es Liebe? Es war was es war und ihr war kalt. Also gut. Ein Versuch noch. Vielleicht änderte sich ja doch noch etwas, vielleicht konnte sie ihn überzeugen.
So oft sie die Strecke wütend gegangen war, so oft erschreckte sie der Weg zurück. Die dichte Dunkelheit, die beängstigenden Schatten an den wenigen lichten Stellen, die Einsamkeit ließen sie erschaudern. Was würde er wohl sagen? Würde er verstehen? Ach nein, bestimmt nicht. Er würde ihr Vorwürfe machen. Oder? Vielleicht freut er sich ja auch! überlegte sie.
Sie war eine starke Frau, eigentlich. Eigentlich. Was war nur los mit ihr? Zwölf Kilo wog sie schon weniger, bald würde sie völlig verschwinden. Sie aß nicht. Sie schlief nicht. Sie trank und rauchte und schrie und wanderte im Park umher. Sonst nichts.
Sie war fast da, und wie immer, wenn sie sich seinem Haus näherte, spürte sie dieses merkwürdige Aufbrodeln in sich: Sorge, Angst, Freude, Wärme, Wut. Und wie immer überwog am Ende die Freude. Sie stand vor der Haustür, zögerte nur kurz und klingelte dann. Nur widerwillig öffnete er, das konnte sie genau sagen. Er war wütend. Sie stieg bis in den dritten Stock hinauf, betrat seine Wohnung. Er saß in der Küche, mit Bier, mit Kippe. Er sagte nichts. Wie immer. Nur sein kalter Blick war auf sie gerichtet.
Doch etwas war anders, es war heute etwas mit ihr geschehen: Das berührte sie nicht mehr. Sie würde nicht kriechen. Sie würde nicht hoffen. Jetzt nicht mehr.
Die Bilder in ihrem Kopf, die Stimmen überschlugen sich. Du siehst…machst…falsch….verstehst…nicht….ich….aber… Schwarz. Ich bin, wie ich bin, dachte sie und stieß zu.

Als sie wieder auf die Straße hinaustrat, war es schon hell geworden. Die ersten müden Autos durchbrachen die perfekte Stille. Die nasskalte Regenluft war erfroren und einem klaren Wintertag gewichen. Bald würde es schneien, dachte sie.

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