Meyershausen-Mitte

„Warum ist die Gardine so schief?“ Sie ging die Straße entlang und schlug sich gelegentlich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „WARUM NUR?!? Ist die Gardine so schief?“ Passanten, die ihren Weg kreuzten, wunderten sich über die Entrüstung und im Grunde zweifelten sie auch an der Funktionsfähigkeit der eigenen Ohren – „Warum ist die Gardine so schief“!?! Hatte sie das wirklich gesagt? Die junge Frau im Jogginganzug wirkte einen Wink verwirrt, aber so genau konnte man das nicht sagen – und: hatte sie nicht auch Recht mit ihrer Entrüstung?
Der Gedanke brachte sie ins Grübeln: War nicht ein ernstes Problem darin versteckt? Hatte nicht die eigene Gardine heute Morgen auch schiefer ausgesehen als sonst? Die teure, dunkelrote aus Samt? Die kleine weiße Küchengardine? Am Ende – wer weiß! – sogar beide?
Unsicherheit verbreitete sich. Innerhalb kürzester Zeit wurden Stadtkomitees gegründet, um die Lage zu besprechen ( – Wenn du mal nicht weiter weißt, bilde einen Arbeitskreis! – ) und aus der Gruppe der Stadtverantwortlichen erklärten sich einige bereit, an einer Bürgerwehr gegen das Schiefaufhängen von Gardinen aller Art aktiv mitzuwirken.
Wasserwaagen wurden kostenfrei an alle Bürger und Bürgerinnen verteilt und Kurse zu deren fachgerechter Benutzung verpflichtend eingeführt. Keiner konnte mehr sagen, er habe es nicht besser gewusst! Jedoch: Einige versuchten es. Da gab es doch tatsächlich Gemeindemitglieder, die den Komitees zur Aufklärung von kapitalen Winkelverbrechen den Zutritt zu ihren Häusern, und damit, möglicherweise ohne direkt gegen die Sache zu sein, aber doch implizit, zu den zu prüfenden Gardinen verweigerten. Die Repression musste verschärft werden: Mit schiefen Gardinen ist schließlich nicht zu spaßen – „heute Gardinen, morgen der Rest der Welt! Wo soll denn das enden!“
Bürgermeister Rohlfs hielt wöchentliche Ansprachen vor dem Landtag und versuchte, das Anliegen der Meyershausener in die Welt hinauszutragen: Er sei nicht in allen Dingen so penibel, aber die Dinge müssten ihre Ordnung haben. Alles hat seine Regeln, und Gardinenstangen müssten ordentlich angebracht sein, sonst stellen sie eine Gefahr für die Stadtbewohner dar – Man stelle sich nur vor, es würde jemand von einer nicht ordnungsgemäß befestigten Gardinenstange erschlagen! Was würde das nur für einen Aufstand geben! Revolte! Revolution! Brennende Barrikaden! – und außerdem würde der ästhetische Sinn der Kinder (hierzu hatte Rohlfs einen fachkundigen Pädagogen befragt) durch den ständigen Einfluss der unrechten Winkel massiv in seiner Klarheit beeinflusst, das könne man auf keinen Fall zulassen!
Der Landtag zeigte sich zunächst überrascht von der Schärfe der Forderungen: Da wollte Meyershausen Mitte doch tatsächlich ein landesweites Gesetz zur Kontrolle der Gardinenaufhängungen und sogar der Gardinen verabschieden – keine leichte Aufgabe. Wie sollte man die permanente Videoüberwachung legitimieren? Ja, und wer sollte überhaupt die vielen Kameras bezahlen, und dann noch den Leuten nahebringen, dass sie in Zukunft ständig in ihren Wohnungen überwacht würden?
Nach einer etwa dreimonatigen, hitzigen und äußerst kontrovers geführten Debatte konnten die Meyershausener sich nicht durchsetzen. Ihr Programm sei zwar nachvollziehbar, jedoch nicht praktikabel und einfach zu teuer. Zuvor hatte sich bereits ein Drittel des Landtags auf ihre Seite geschlagen, aber das reichte nicht aus. Außerdem erhöhte sich der Druck, nachdem eine Widerstandsbewegung, die „Schiefe Brigade“, zum ersten Mal in Erscheinung getreten war. Sie forderte größere Freiheit, mindestens jedoch 7° mehr Spielraum beim Aufhängen von Gardinen sowie beim Häuserbau. Bestand die Partisanenbewegung zunächst nur aus einigen wenigen, bereits zuvor durch unangemessenes Rasentrimmen in Erscheinung getretenen Rebellen, so fand sie nun zunehmend Zustimmung in der Bevölkerung. Die Stadtverwaltung von Meyershausen Mitte war aber nicht von vorgestern: Eine Gruppe fachkundiger Anwälte, die sich speziell zu diesem Thema zusammenfand, erkannte bald, dass bestimmte Rechte zur Verfügung standen, die man sich in der Sache zu Nutze machen konnte.
Rohlfs, der, zwar nicht nach offiziellen Maßstäben, aber traditionell war das so, auf Lebenszeit gewählt war – sein Urgroßvater war schon Bürgermeister der Stadt, und sein Vater war hoch angesehen – rettete die Situation durch verschärfte Maßnahmen gegen die absichtlich im 45° Winkel aufgehangenen Plakate der SB. Neben der Ordnungswidrigkeit, der Verletzung öffentlichen Eigentums und der Sachbeschädigung setzte er ein altes Gesetz wieder in Kraft, das seit der Inquisition eigentlich niemand mehr gebraucht hatte, und dessen Wortlaut auch keiner mehr so genau wusste. Es ging aber irgendwie um die ideologische Verteidigung der Stadt gegen innere und äußere Feinde, soviel war bekannt. Bald darauf wurden spezielle Einrichtungen, von hohen Backsteinmauern umgeben, gebaut und konnten von den Aufständischen bezogen werden. In den Besserungsanstalten wurde insbesondere auf die perfekte Einhaltung der rechten Winkel geachtet, es durfte keine schiefen Wände und auf keinen Fall runde Fenster geben, um die Rebellen nicht in ihrer Haltung zu bestärken: Vielmehr sollten sie sich an das Ordentliche, das Gerade, das An- und Abgemessene gewöhnen, um später in ihrer erneuerten Weltwahrnehmung gestärkt entlassen zu werden. Einige besonders Aufmüpfige wollten sich aber partout nicht fügen: Sie hängten auch weiterhin ihre Kleider beim Wechsel in den Schlafanzug schief über den Stuhl. Sie schafften es sogar, in ihren extra-ergonomischen, eine perfekt gerade Liegehaltung suggerierenden Betten schief zu liegen! Das ging so natürlich nicht. Hier war es wichtig, Methoden zu finden, wie man die im wahrsten Sinne des Wortes Verrückten – man könnte auch sagen: Verschobenen – zur Vernunft bringen konnte. Es wurden also spezielle Marterpfähle gebaut, an die die Verurteilten bis zu 22 Stunden am Tag gebunden werden durften. Abwechselnd wurden einfache und komplexere Gitter, bis hin zu dreidimensionalen, und Filmaufnahmen von modernen Glasfassadenbauten mit perfekten Winkelmaßen auf die gegenüberliegende gerade Wand projiziert, Wasser oder gar Essen gab es nur nach Aufsagen der Formel: Alles braucht seine Ordnung. Omnia opus est ordinatie! Von den Rebellen konnte keiner Latein.
Rohlfs, inzwischen deutlich gealtert, hungerte sie langsam aus und verbot zu guter Letzt das Aufhängen von Stoffen zur Verdunkelung oder Verschleierung von Fenstern in Gänze.

Die Jahre vergingen, die trickreichen Meyershausener waren lange dazu übergegangen, verdunkelte oder halbverdunkelte Folien von innen an ihre Fenster zu kleben, so, wie sie das bei ihren Autos schon immer getan hatten. Einige der Folien begannen schon, sich ab- oder aufzulösen, und längst hatten die Leute vergessen, dass es einmal andere Wege gegeben hatte, Fenster gegen allzu viel Durchsicht abzuschirmen. Die junge Frau, die übrigens schon immer einen Ordnungszwang gehabt und sich unter anderem wegen auftretender Panikattacken bei Entdeckung von unsortierten Sockenschubladen in psychologischer Betreuung befunden hatte, war schon lange nicht mehr jung und es war nicht mehr zu klären, ob Meyershausens Zustand Ursache oder Wirkung für ihren Zustand war. Einige Jahre nach dem Gardinenverbot entschied sie sich, der Stadt künftig fernzubleiben, stahl einen Wohnwagen vom Parkplatz eines Autovermieters, fuhr damit auf den nächsten außerstädtischen Parkplatz und lebte fortan dort in Gesellschaft einiger Katzen und weniger Waldtiere.

Bernhard Rohlfs lebte sein Leben in Friede und Ordnung, bis zu seinem 80. Geburtstag. An genau diesem Tag schlug er die allmorgendliche Zeitung auf und erlitt einen tödlichen Schlaganfall. Die Titelseite zeigte drei junge Meyershausener, die im Rahmen eines Wettbewerbs in ihrer Schulfirma ein neues Produkt erfunden hatten: „Junge Erfinder denken zukunftsorientiert: In Zukunft statt Klebefolien Stoff vor die Fenster!“. Rohlfs hätte geschworen, wenn er gekonnt hätte: Die Gardine hing schief.

(April 2009)

One Response to Meyershausen-Mitte

  1. Super!
    Bin großer Fan der Widerstandsbewegung “Schiefe Brigade” vor allem da sie einen Ersatz-Reformplan hat. Ich hätte gerne noch mehr von denen gehört.

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