Ich mag Bahnhöfe. Ich mag das Auf und Ab, das Kommen und Gehen. Ein Bahnhof ist nämlich, entgegen landläufiger Meinung, nicht einfach ein Ort zum An- oder Abtritt einer Reise. Vielmehr als das ist er ein Ort der unsichtbaren Begegnung verschiedener Welten. Schwerbepackte Wanderräder begegnen Instrumentenkoffern in einer Vielzahl, wie man sie sonst nur im Orchestergraben findet, blaue Haare und Nietengürtel treffen auf Anzüge und weiße Lederstiefel, Sommerferien, Familienbesuche, Auslandssemester, Auswanderungen, Einwanderungen, Geschäftstermine, schöne Anlässe und weniger schöne prallen aufeinander: Die große, mit Mühe auf den Gepäckwagen gehievte karierte Reisetasche, deren Nähte gefährlich prall aufblitzen und die von den auf ihr liegenden Kistchen und Kartons in Plastiktüten zusätzlich gequält dreinblickt, trifft auf den kleinen schwarzen Aktenkoffer, dessen Besitzer wiederholt seine Brille hochschiebt und in Richtung Ausgang eilt. Ebendieser Besitzer stand wenige Minuten zuvor an der anderen Seite des Bahnhofs am Raucherstand und telefonierte wild gestikulierend, es war wohl wichtig. Sein Regenschirm, schwarz, schlicht und elegant wie der Aktenkoffer, lehnt dort noch immer an der Wand. Er begegnet gerade dem linken Handschuh eines kleinen Mädchens, das beinahe seine Großmutter verloren hätte, als ein verspäteter Zug eintraf und der übliche Tumult losbrach: Plötzlich ist die Durchgangsfläche zu den Gleisen nicht mehr zu sehen, alles rennt zum Anschlusszug, springt aneinander vorbei zum richtigen Gleis, einige bahnen sich ihren Weg zum Bäcker oder zum Taxistand. Die Großmutter konnte unter Tränen wiedergefunden werden, der kleine pink-grüne Fäustling aber blieb liegen und schließt nun Bekanntschaft mit dem vergessenen Regenschirm.
Ein alter Mann mit Gehstock und einer graumelierten Golfmütze wird sich ihrer in Kürze erbarmen und sie ins Bahnhofsfundbüro tragen, wo sie vielleicht eine Chance auf ein Wiedersehen mit ihren Besitzern haben. Der Mann hat eigentlich keinen bestimmten Grund, am Bahnhof zu sein, aber ihm gefällt das Gewusel, er möchte unter Menschen kommen und geht so jeden Morgen von der einen Seite hinein (er wohnt nur wenige Gehminuten entfernt), durchquert die große Halle und setzt sich in ein Café auf der anderen Seite. Dort liest er seine Zeitung, beobachtet die Menschen und trinkt einen schwarzen Tee (mit Milch, ohne Zucker). Die Kellner im Café erfreuen sich seiner Anwesenheit in der Unbeständigkeit der Welt im Allgemeinen und des Bahnhofs im Speziellen und bringen ihm seinen Tee inzwischen mit zwei Keksen.
Fast jeden Tag begegnet der Mann bei seinen Streifzügen jemandem, den er kennt, oder dem er zumindest schon einmal begegnet ist: Heute war es die Schuhverkäuferin aus dem naheliegenden Einkaufszentrum, die vor dem Informationsstand auf und ab lief und im Abstand weniger Sekunden auf die große blaue Anzeigetafel sah. Nach dem sechsten Blick sprang die Tafel endlich um und sie machte sich schnellen Schrittes und mit strahlenden Augen auf in Richtung Gleis drei. Im Gang begegnet sie einer Grundschulklasse unter Aufsicht einer gestressten Lehrerin, die verzweifelt versucht, ihre Schäfchen dazu zu bringen, in Zweiergruppen Hand in Hand in Richtung Ausgang zu laufen (alle zum selben, nach Möglichkeit). Das erweist sich als schweres Unterfangen, denn es ist erstens recht voll und zweitens wirken die bunte Leuchtreklame, die Werbestände und besonders der Süßigkeiten- und Schokoladenladen arg ablenkend auf die lieben Kleinen.
Eine Frauenstimme informiert Reisende und Angekommene über die inzwischen einstündige Verspätung des Expresszugs nach Zürich, woraufhin ein Raunen durch ein Menschengrüppchen im halbverglasten Wartebereich geht. Flugzeuge werden hier verpasst, Anschlusszüge, Termine und Verabredungen. Der einen Leid freut aber andere umso mehr, und so nutzen zwei junge Verliebte die verlängerte Wartezeit für ausführliche Abschiedsbekenntnisse und Versprechungen aller Art. Und auf diese Weise begegnen sich nicht nur Hoffnungen und enttäuschte Erwartungen, Freude und Trauer, Ankommen und Verabschieden, sondern auch Menschen, die sich nie treffen werden. Für einen Moment sind sie am gleichen Fleck in Zeit und Raum, ihre Welten vermischen sich zu einer. Dass das das eigentliche Wesen des Bahnhofs ist, zeigt sich besonders in seiner Abwesenheit: Nachts zwischen drei und vier, wenn keine Züge fahren, nur wenige Menschen warten und Geschäfte, Kneipen und Dönerbuden geschlossen haben, offenbart der Bahnhof eine neue Seite. Es herrscht immer noch dasselbe dämmrige Licht, das tageszeitunabhängig im Bahnhof Bestand hat. Wie das sein kann, ist schwer greifbar, aber es ist die Natur der Bahnhöfe, stets einem bestimmten Licht ausgesetzt zu sein. Es ist da, wenn die Sonne durch die verstaubten Fenster fällt, wenn der Himmel winterlich grau anmutet und sogar, wenn es draußen ganz dunkel ist- das Bahnhofslicht verändert sich nie. Die nächtliche Bahnhofsatmosphäre ist eine schlafende Welt, in der das Summen der Reinigungswagen als leises Schnarchen ein Lebenszeichen gibt, und eine Idee davon, dass es auch ganz anders sein könnte. Früher, versteht sich, war der Bahnhof auch des Nachts lebendig: Da schliefen Obdachlose und Wartende, es fuhr dann und wann ein Zug. Letzteres gibt es noch an großen Bahnhöfen, ersteres jedoch wurde ausgerottet und so ergibt sich ein neues Bild: Ein stiller Bahnhof. Ein Raum, seiner Funktion beraubt und stillgelegt. Ist er dann noch Bahnhof, genau genommen?
Schon wenige Stunden später aber erwacht er zu neuem Leben, denn dann kommen die ersten Pendler, es wird gefrühstückt und geraucht, Zeitungen und Fahrkarten werden gekauft. Anscheinend besteht eine erhöhte Lesebereitschaft, mehr noch: eine erhöhte Kauffreude an Bahnhöfen. Wie sonst ließe sich die erstaunliche Dichte an Buchläden und anderen Geschäften auf wenigen hundert Quadratmetern erklären? Es scheint ein Übertritt in andere Regeln, andere Welten zu geschehen beim Durchschreiten der automatischen Glastüren. Welten, die es der Frau im Pelzmantel mit Designertasche erlauben, eine Saftmischung im Pappbecher mit einem in Serviette eingewickelten Fischbrötchen zu kombinieren, die sie die Wartezeit zum Kosmetikeinkauf nutzen lassen, die Chinanudeln zu einem echten Mittagessen umfunktionieren. An Bahnhöfen gelten eigene Regeln.
Alles bewegt sich, alles verändert sich. Alles bleibt gleich. Der Bahnhof ist so besonders, weil jeder schon einmal da war und jeder immer wieder da ist, weil alle etwas wollen und doch nicht das Selbe. Ich mag Bahnhöfe, weil sie mehr sind als Flughäfen oder Bushaltestellen. Sie sind eine in Stein und Glas gefasste Metapher auf das Leben, wie ein Mikrokosmos, ein Modell von der Welt in jeder Stadt.