Ein guter Tag zum Reden

Jost traf Franz Petersen zum ersten Mal an der Kasse im Supermarkt. Es gab Sülze im Sonderangebot, drei Dosen für eine. Dass das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen war und der Ausverkauf damit zu tun haben könnte, darauf war Jost nicht gekommen, ja, wie auch?

Jost stellte sich mit seinen neun Dosen Schweinesülze und zwei Paketen Toastbrot an der Kasse an, und, wie sollte es anders sein: die Schlange war lang. Jost war genervt. „Meine Herren! Kannste doch vergessen, kannste doch allet verjessen“, dachte er sich. Plötzlich drehte sich der Mann vor ihm, ein untersetzter Mittfünfziger mit halblangen grauen Haaren (einer, der aussah, als wäre er gern wesentlich jünger und interessanter, als er war), zu ihm und fragte: „Meinst du mich?“ „Wat? Ne! Hab ich das laut gesacht?“ Jost war verwirrt. Der ganze Tag war komisch gewesen. Gut, er hatte angefangen wie immer: Jost stand auf, rauchte eine und ging in die Küche: Frühstück. „Marek, warum is schon wieder keen Toastbrot da!?“. Marek war schon weg, zu seiner Familie gefahren, nach Hause. Jost war also nicht nur allein und hungrig sondern stand nun auch ohne Frühstück da. Soweit nichts Neues. Dann ging er zum Briefkasten: Rechnung, Rechnung, Rechnung, Katalog, kostenlose Anzeigenzeitung, Werbung, Pizzaprospekt. „Hmm, Pizza…“, dachte Jost.

Dann aber begannen die Merkwürdigkeiten: Der Mann von gegenüber grüßte. Das hatte er noch nie getan. Niemand grüßte Jost und Jost grüßte niemanden, das war eine Regel. Jost war einen Meter neunundneunzig groß und einen Meter achtundneunzig breit. Er hatte eine Glatze (dafür konnte er nichts, das war ihm schon in seiner Jugend zugestoßen) und trainierte aus Langeweile vier Mal die Woche mit selbstgebauten Hanteln, jeweils 35 Kg. Niemand grüßte Jost. Besonders, seit er eine zeitlang mal auf den Hund seines Kollegen aufgepasst hatte, einen weißer Bullterrier namens Blacky, wechselten die Leute auch die Straßenseite, wenn sie ihn sahen.

„Guten Tag, Herr Anders. Ist es nicht ein schöner Tag heute?“ Jost schaute etwas hilflos von links nach rechts und zurück. „Äh… Jaja. Schöner Tag… äh….schönschön“. Musste er jetzt noch etwas sagen? Unsicherheit verteilte sich in seinem Geist und sprang bald auf den Körper über: er wusste plötzlich nicht mehr, wohin mit seinen Händen. Waren die schon immer dagewesen? Warum hatte er sie nie bemerkt? „Dann einen schönen Tag noch, ja, Herr Anders?“

Jost sagte nichts.

Während Jost zur Schicht ging, breitete sich ein ihm in diesem Ausmaß bislang unbekannter Groll in seinem Bauch aus. Er fluchte laut, während er die Schrauben zudrehte. „Kannste doch vergessen, kannste doch alles vergessen!“, hörte man ihn mit seiner tenorösen Stimme durch die Halle brüllen: „Meine Herren!“

So hatten die Kollegen ihn noch nie wahrgenommen. Genau genommen hatten sie ihn überhaupt noch nie wahrgenommen, und wenn, dann nur als einen Vierkubikmetermann, mit dem man lieber nichts zu tun haben mochte. Unauffällig, aber potentiell lebensgefährlich. Heute war er letzteres noch immer, allerdings fiel sein Ärger auf. So spalteten sich die Kollegen in zwei Lager. Da waren die einen, die vorsichtshalber aus dem Weg gingen: Man wusste ja nie. Und da waren die anderen, die aus Angst umso netter zu sein versuchten. „Hallo….Kollege..! Na, viel zu tun?“, sagten sie, und „Jaja, die Schrauben wollen heut nich, wa, da hatt ich vorhin auch schon welche von! Kleine Biester!“ Und etwas verunsichert lachend gingen sie weiter ihrer Arbeit nach. Jost wusste weder, was das sollte, noch, was er damit sollte.

Nach der Schicht musste Jost zur Sparkasse, Geld holen. Als er am Geldautomaten stand und gerade seine Geheimzahl eintippen wollte, sprach ihn eine Frau mittleren Alters an. Sie stand am Überweisungsautomaten und wusste offenbar nicht, wie sie weiter vorgehen musste. Jost war kein großer Freund neuerer und neuster Technik. Er war froh, dass er herausgefunden hatte, wie man Geld aus dem Automaten bekommt, aber wie man damit welches in die Welt versenden konnte, das überstieg seinen Auseinandersetzungswillen in Bezug auf komplexere Maschinen. Die Frau hatte ein Problem bei der Überweisung, das Jost nicht verstand und nicht verstehen, geschweige denn lösen wollte. Er antwortete nicht und ging schnell raus, vergaß dabei seine Bankkarte im Automaten und musste zwei Minuten später noch einmal zurück. Die Frau war immer noch da. Das war Jost auf eine ihm bislang unvertraute Weise unangenehm, aber nicht zu ändern. Er ging nach Hause.

Nun stand Jost also an der Supermarktkasse, wollte Sülze kaufen und hatte laut gedacht, was Franz Petersen dazu bewog, ihn anzusprechen:

„Meinste mich?“

„Wat? Ne! Hab ich das laut gesacht?“

„Na, du hast gerade gesacht, kannste doch alles vergessen“

„Jaja. Ja, stimmt doch auch! Kannste doch alles vergessen! Is doch nich schön sowas! Kommste her für Sülze und stehst erstmal drei Stunden anne Kasse! Habsch keen Bock mehr druff!“

„Naja, wenn du meinst…“ sagte Franz. Er fand diese Unterhaltung etwas wenig zielgerichtet.

Jetzt aber brach es aus Jost heraus, nun war es zu spät, da noch rauszukommen:

„Und überhaupt, ich sach dir mal was: das is doch scheiße hier! Weißte, da gehste jeden Tach arbeiten, jeden Tach malochste acht, neun Stunden, und am Ende, wasn der Dank? Nich mal die Bank hat of, dasste miter Banktante direkt sprechen kannst, nich mal dafür reichts! Ne, man, da stelln die sone Kiste hin, und dann mach det mal schön alleen! Und die Kollejen, wat solln des – da störste keen, bist immer der nette, der keem was tut, und denn kommn die an und nerven, den janzen Tach! Ich sach dir, allene arbeten müsst man, des wär wat! Alleene, und dann nich in soner Fabrik, sondern draußen oder immer unterwegs, ofer Straße, des wär wat!“ Jost redete sich in Rage. „Weeßte, Busfahrer müsst man seen, nur nich mit so nervigen Kinners, ne, noch besser: Brummifahrer. Ja, Brummifahrer. Et jibt keen besseren Job als den!“

„Ach, jetz komm mir nich damit!“ sagte Franz. Er hatte so spontan keine Lust, die Perspektive seines Gegenübers einzunehmen, und so toll hatte er seinen Job bislang auch wirklich nicht gefunden. „Man, was glaubst du denn, wie das ist? Ständig unterwegs, nie mal Fernsehen allein auf dem Sofa, ständig auf- und abladen und Auftraggeber, die wollen, dass du was zusätzlich machst, ‚ach, fahr doch noch eben in Frankfurt vorbei’ – in Frankfurt! Oder? frag ich, ‚ne, Main’ sagt der – hallo? Mal eben in Frankfurt! Und dann immer schlafen auf der Autobahn, nie mal ausstrecken und nie mal nachts ein Fenster auf! Ne, du, so lustig ist das wirklich nicht!“

Jost konnte das irgendwie nachvollziehen, aber sein Kampfgeist war nach langem Winterschlaf geweckt. Er wollte streiten. „Ja, jetze sach mir noch, et wär langweelich allene ofer Autobahn!“ „Ne, ich bin gern allein! Menschen nerven. Zumindest die, die ich bisher getroffen hab.“ Erst jetzt merkte Jost: Der Schuss fiel ins Leere. Der Mann hatte Recht. Was er sagte, machte Sinn!

„Entschuldigen Sie? Sie müssten Ihre Ware bitte aufs Band legen.“, sagte der Kassierer, ein gequält dreinblickender Student mit fettigen Haaren. In seiner Begeisterung hatte Jost die Schlange längst vergessen, er legte die neun Dosen und zwei Packungen etwas verlegen auf das Band und kramte in seiner Hosentasche nach Kleingeld. Was der redete machte Sinn. Wie selten hatte Jost das gedacht! „Ey, komm, wir gehn een Bier trinken, drüben, inne Pommesbude.“ Noch ehe er zu Ende gesprochen hatte, fragte Jost sich, wie das passieren konnte, mehr noch, was in ihn gefahren war und ob er nicht vielleicht in der Nacht gegen einen Anderen ausgetauscht worden war, und jetzt nur noch so dachte wie er selbst, aber alles andere in seinem Leben sich verändert hatte. Das hatte er mal in einem Film gesehen. Franz war perplex: „Was?“

Jost wusste nicht genau, was er jetzt machen sollte. Wiederholen? Einfach gehen? Was um Himmels willen war in ihn gefahren! Er steckte sein Rückgeld in die Hosentasche, drehte sich zur Tür und ging. Franz trottete hinterher.

Drei Bier später ergab sich folgendes Gespräch:

„Und ich sach dem noch, mensch, Marek, koof doch och mal een!“

„Na ja, wenn du meinst…“

„Meine Herren! Meine Herren! Weeßte wat jetze jut wär? Hosjemachte Bulletten! Des wär wat jutes jetze! Zu Hause gabs immer hosjemachte Bulletten, damals, bei meine Mutti. Die warn die besten vonne Welt.“

„Ach, jetz komm mir nich damit!

„Aber hier jetz – is ja keene da, die welche macht, wa, wär schon jut von Zeit zu Zeit“

„Na ja, wenn du meinst…“

„Und weeßte, der Marek kann och kochn, isn juter Koch, wenn er mal nich sofort alles weghaut wat im Kühlschrank rumliecht…“

„Ich bin gern allein.“

„Jaja.“

„Jaja.“

„Noch een Bier bitte.“

„Zwei bitte, Frollein.“

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