Den folgenden Text habe ich als Reaktion auf einen Besuch des Theaterstücks “Die Räuber” geschrieben, das in einer sehr unsympathischen modernen Version aufgeführt wurde. Die Räuber wurden dabei mit Autonomen, die wiederum mit der ganzen linken Szene gleichgesetzt. Schillers Räuberbande ist mordlustig und gibt sich zunächst den Anschein einer Robin-Hood-Gang, letztlich aber nur aufgrund ihres Anführers Karl Moor, der es irgendwie gut meint und eher aus Frust mit dem Rumräubern beginnt. Worauf es natürlich trotzdem hinausläuft: Alle Guten sind tot, alle Ziele und Ideale verraten. Und in dieser Umsetzung: Es gab zwar hier und da gute Statements, aber letztlich blieb als Eindruck stehen, dass linke Aktivist*innen und Antikapitalist*innen am Ende scheitern müssten, zumindest aber in sinnlose Gewalt verfallen. Reaktionäre Scheiße, wenn ihr mich fragt.
Aufforderung zum Tanz 2010
Ey, und ich krieg sooon Hals, ja! Sooon Hals!
Die jungen Wilden, das musste ja schiefgehen –
komm mit mir in die Nacht, komm, wir tanzen! Komm, ich will mich nicht betäuben,
aber irgendwie muss sie ja raus, die ganze Scheiße, die wir fressen –
ich kann gar nicht so viel kotzen wie ich gerne würde
wenn ich das schon nur höre –
und ihr sitzt da und belacksalbt euch gegenseitig und freut euch
weil ihr ja die Notbremse gezogen habt und euch abgefunden
weil, am Ende, da muss man sich dann eben abfinden,
wir hams ja gesehen!
Mit zwanzig, da muss man ja revolutionär denken, aber wir, wir hams verstanden –
nichts habt ihr verstanden
und angesichts von Krise und von Krieg
von Hartz IV und DSDS
von Leistungsgesellschaftsscheiße
und von Burnout als Leistungsprinzip
davon, dass hier keiner hat, was er braucht, sondern alle entweder viel zu viel
oder nichts
angesichts all dieser Dinge
da könnt ihr mir doch nicht
allen Ernstes
und ohne blutrot anzulaufen
das erzählen –
dass es nicht anders geht und ihr
lieber
das Beste draus macht?
Komm, komm mit mir in die Nacht, mein Lieber. Komm, wir tanzen, wir springen, wir schreien und wir leben, so lange wir noch können, leben wir, und tanzen! Komm, wir vergessen nicht und kämpfen weiter, aber heute, nur jetzt, nur für den Moment, für das jetzt, tanzen wir! Komm, wir lassen uns nicht betäuben, wir kämpfen weiter, morgen früh –
Moral ist, was uns weiterbringt, als Menschen! Moral ist, was die Wahrheit zeigt
und nicht verklärt!
Moral ist, was die Menschheit vereint und sie in ihrem Kampf
um Menschenwürde
um Gemeinschaft und
um die Welt
und um das Leben
weiterbringt!
Ich bin nicht blind, nicht taub – ich lass mich nicht betäuben
von eurem Geschwätz
Ich lass mir nicht sagen, ich sähe nicht
die Zusammenhänge
und verstünde nicht, dass strukturell
alle Menschheit zur Idiotie verdammt ist und wir froh sein können
jemanden zu haben, der uns regiert
Ich lass nicht mir und einem Haufen 14jähriger, die keinen Plan von sowas haben
die Welt verklären,
die Fronten verklären
Ich lass nicht zu, dass ihr mich striegelt
und bügelt
und mir einflößt
dass die
die kämpfen in Wahrheit die sind
die brechen und schlagen und verraten
ich lass mir nicht sagen
es wäre immer noch besser als anders
weil
es ist nicht halbwegs ok
nicht für die, die verhungern
und nicht für die, die Amok laufen
und nicht für die, die ausbrennen
und nicht für die, die Turnschuhe nähen für 3 Cent das Stück
und nicht für die, die nichts abkriegen
vom Bankenpaket
dafür aber auch nicht von der Rente
Komm, wir tanzen zu Rage Against the Machine
zu Skunk Anansie
Yes, it’s fucking political
everything’s political!
Komm, wir tanzen und wir lassen uns nicht
unterkriegen
glattbügeln
zu Grunde prügeln
wir schlucken nicht, wir spucken aus
mit unseren Gliedern, mit unseren Gedanken
und unseren Worten und mit allem
was wir haben
und können
wehren wir uns und verbünden wir uns
und ihr
ihr könnt uns gar nichts