Manifest

Vielleicht hoffe ich in zwanzig Jahren, dass irgendwer das Internet in die Luft sprengt, damits verloren geht. Ich hoffe nicht. Manifest zu Jugendzeiten, oder: Wer die Form findet, darf sie behalten.

Manifest

Ich kenne meine Gedichte nicht auswendig.
Viele finden das erstaunlich, aber ich lerne sie nicht. Viele lese ich erst Monate später wieder, und erinnere mich an sie wie an ein Lied, mit dem man sich und Zeit verbindet, das man vergisst und Jahre später wiederfindet.
Ich kenne die Texte vieler Lieder auswendig, und Gedichte.
Sogar Roman- und Geschichtenanfänge und –passagen anderer Leute. Jede Note, jedes crescendo der Stücke die ich spiele.
Aber meine Gedichte kenne ich nicht auswendig.
Ich kenne natürlich jedes Wort darin,
einzelne Zeilen oder Absätze, und manche davon beschmecke und befühle ich immer wieder auf der Zungenspitze, manche verspielt, manche skeptisch, hier und da bewusst über ihre Unzulänglichkeit. Aufsagen kann ich kein einziges Gedicht.
Oft muss ich schon überlegen, was die Details meiner Geschichten sind. Meine Form ist frei und unklar, und manchmal frage ich mich hinterher, wie ich sortieren soll und ob die Zeilenumbrüche Not tun. Ich weiß natürlich, dass ja, aus guten Gründen. Ich frage mich trotzdem.

Ich sehe mein Schreiben
nicht als mein Kind
für dessen Aufwachsen ich verantwortlich bin
und das ich beschützen würde gegen Wüstensand
und Widerstand und alles Schlechte.
Ich nehme Kritik gern an und freue mich,
wenn sich wer die Mühe macht
und sie zerreißt.
Und ich empfinde nicht mal
eigenes Zerrissenwerden dabei.

Es ist nicht so wichtig. Was ich schreibe
ist nicht neu
grundlegend.
So wie nichts neu ist in der Welt
und alles schon mal gedacht, gefühlt und wahrgenommen wurde
aber das ist egal
weil alles ist,
und wenn ich es nochmal schreibe,
ist es nicht schlechter oder besser, als wenn jemand anderes es nochmal schreibt.
Jeder kann das, nicht jeder will, nicht jeder traut sich, die Welt ist ein weites Feld und kein einfaches.
Was ich mache ist Musik. Ich komponiere mit Wörtern
mit Buchstaben und Silben
mit Zeilenumbrüchen und in der Regel in Kleinbuchstaben
aber hier leg ich sogar noch Satzzeichen drauf.
Es ist Musik und Malerei,
wie alles. Jede Note ist Kunst, und jedes Bild ist Musik und jedes gesagte Wort und jedes Geräusch ist Musik und Gefühl und Gedanke und Bild. Wenn Kunst die Ansammlung der Eindrücke ist, die ich am Ende des Tages übrig behalte, und ich ihr glaube, dass sie Kunst ist, ist am Ende alles eins.

Erstaunlicherweise fangen die Menschen oft an zu weinen,
wenn sie meine Gedichte lesen
und zu lachen, wenn sie meine Geschichten lesen,
das überrascht mich
und freut mich
weil offenbar etwas drin liegt, was allgemeine Gültigkeit besitzt. Ein Kern Wahrheit?
Es tut gut zu wissen, dass es sich für Andere auch so anfühlt.

Solange das so bleibt, muss ich schreiben und singen und glühen.

Nicht wegen der Anerkennung. Ich bin auch ich, wenn sie nicht weinen
und meine Texte nicht kennen
und nichts ändert sich,
wenn doch.
Ein Text ist dann ein guter Text, wenn der Autor darin verschwindet und man allein bleibt mit den Wörtern,
das Vertrauen hat, sich zu verlieren und wiederzufinden,
wenn die Musik
das Bild
das Leben für sich spricht.
Meine Texte sind voll falscher Stilentscheidungen
und strotzen vor schlechten Angewohnheiten
wie ich.
Sie sind oft eitel und spielen mit sich
statt mit der Welt
und übertreiben,
sie sind übersteigert
und voll Schmerz, der längst nicht alles ist, aber mehr auffällt. Voll fester Redewendungen, nur halbgut aufgelöst,

- ich hab da noch ein paar Allgemeinplätzchen mitgebracht, falls jemand will –
und trotzdem:

solange die Menschen dabei weinen und lachen, werde ich für sie schreiben, und es auch so meinen, und nach außen tragen, was sich ansammelt in mir. Auch, weil es besser einen Sinn haben sollte, dass die Welt sich in mir sammelt, dass mein einziges Bestreben zu sein scheint, sie aufzusaugen, das ist, was natürlicherweise mit mir passiert:
Solange das Feuer in mir brennt,
solange will ich der Welt etwas bieten. Eine Fläche zur Projektion
einen Spielplatz für ihre Seelen
und für meine. Es ist dieselbe.
Moralisch ist, was uns verbindet,
und nötig ist, was uns vereint. Alles Plattitüden:
Liebe, Leidenschaft und Schmerz. Kafka würde sagen: Alles scheitert; und Neruda würde sagen: Alles hofft. Ich würde mich Beidem anschließen und Keinem und meine,
dass beides gleichermaßen stimmt aber das nichts ändert.

Manchmal kann man nicht weinen.
Und manchmal kann man nicht lachen. Und manchmal will man in Musik schwimmen,
am Fenster erfrieren, indem man es öffnet und sich auf dem Bett zusammenrollt
auf morgen wartet
und hofft, dass es nicht kommt
und hofft, dass das eigentlich unmöglich ist. Und ich will diesen Boden bieten
für das Gefühl und die Sehnsucht und das warme Meer aus Farben und Sinn
zum Drauflegen und Schwimmen
und Luft und Wurzeln
zum Fliegen und Träumen
und Freuen.

Mein Schreiben ist weit weniger aufregend als irgendwer manchmal denkt.
Als ich dir erzählte, ich schreibe auch in der Straßenbahn
(einige meiner liebsten Texte – geboren in Straßenbahnnen und anderen Zügen),
oder im Kopf auf dem Weg von Dönerladen
vorbei am Regenschirmladen
nach Hause
da meintest du: krass.
Ich weiß nicht. Für mich ist das kein Ausdruck für meine überschäumende Kreativität
und mein Genie. Es gibt kreative Phasen und andere. Die anderen sind weitaus länger, die letzte fast ein Jahr.
Für mich ist das ein Ausdruck dafür
dass man sich dem Leben gegenüber nicht versperren kann
und dass es sich Bahn bricht
unabhängig davon, ob man gerade gut aussieht im schwarzen Künstleroutfit
und mit Rotwein, und ob es mitten in der Nacht ist, was viel interessanter wäre,
oder so wie hier gerade: mit noch immer unausgepackten Kisten
bei zu viel Licht mit heißer Schokolade
und müde und nach langer Arbeit
unattraktiv zu Hause rumsitzend.
Eine zeitlang war mir das wichtig. Ich wollte gern besonders schreiben. Handschriftlich, zum Beispiel. Aber dann: Das Leben ist kurz, und schön.
Entdeckt man einmal Freude an langen
und mittellangen
und freien Texten
dann macht per Hand keinen Spaß mehr
und das Schreiben jedenfalls
nur einmal und kein zweites.

Und fast immer bin ich mir erst unsicher
und lasse sie liegen
wenigstens eine Nacht
manchmal ein paar Monate
manchmal für immer.
Schlechte Angewohnheiten versauen den Stil
und der Stil zählt, wenn man erreichen will.
Nicht aus Schöngeistigkeit, sondern
weil nur saubere Texte, bereinigt von Eitelkeit
und rhythmisch sicher
die Tür aufmachen zu einer eigenen Welt.

Es geht mir um mehr als bloßes Schaffen von Schönheit: Jede Website (fast)
und jedes Buch (fast)
und jede Zeitung (fast)
legt wert darauf, schön zu sein. Design your life & design your face.

Mir geht es um die Erschaffung von ganzen Welten der Faszination und des Sichselbstwiederfindens
und des Alleswiederfindens
und des Lebens, der Hoffnung und des Schmerzes
der Solidarität
der Menschlichkeit
der Zeit
die allesamt in uns sind.
Damit sie wirken, diese Welten,
bedarf es einer Makellosigkeit des Äußeren
und den Beat des Lebens, zu dem wir alle tanzen,
willkürlich oder nicht.
Sie schaffen den Sog und das Bedürfnis nach Wiederholung
wie bei Mozart in c-moll
wie bei Al Jarreau und bei Ella
und wie bei Brahms im Requiem.
Wie bei Neruda
mit dem ich mich verwandt erkläre.
- Vermessen? Ich glaube nicht an Preise
nur an das Leben von dem ich glaube
dass es in Allen brennt
und sich in Allen Wege bahnt
und bei uns in ähnlicher Weise
wenn auch das, was drinsteckt, überall drinsteckt.

Du hast dir zum Ziel gesteckt, die Geschichten Aller zu erzählen, Pablo.
Ich setze mir zum Ziel, Allen die Plattform zu bieten, ihre Geschichte zu finden
zu sehen
und zu fühlen, ohne zu erklären,
wovon ich nichts und jedenfalls nicht mehr verstehe als sie.
Ohne überhaupt etwas zu erklären.

Platz zu bieten.
Anzuspornen. Kampfeslust, Mut, Wärme und Sanftmut zu wecken. Feuer zu schüren.
Liebe und Vergessen anzuregen. Für die Welt, für das Leben, für das Jetzt und das Immer.
Für dich, für sich. Für mich. Für alle.

Nicht meinetwegen. Unseretwegen.
Weil es Sinn hat, Natürlichkeit und Herz.
Ich setze mir zum Ziel, den Mut zu haben,
ein Spiegel für die Welt zu sein.

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